Wie schon zuvor beschrieben, liegen schriftliche Quellen über das genaue Gründungsjahr des Schützenvereins nicht mehr vor. Für das Jahr 1956 bereitete der Bürgerschützenverein erstmalig ein Jubiläum auf Basis des überlieferten Gründungsjahres 1606 vor und beging mit einem großen Jubelfest sein 350-jähriges Bestehen.

Das Amt des Präsidenten übernahm im Jubiläumsjahr der bisherige Oberst Heinrich Deelmann. Als Oberst folgte ihm Bernhard Robers aus dem Mühlenkamp. Dessen Funktion als Oberstleutnant wurde dem langjährigen Thronadjudant Anton Finke übertragen.

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Heinrich Deelmann, Präsident des Schützenvereins von 1954 – 1966

Zum Jubiläum erhält der Bürgerschützenverein eine neue Vereinsfahne. Sie zeigt auf der Vorderseite den gekrönten schwarzen Schützenadler auf grünem Grund mit dem Südlohner Wappen (Silbernes Kleeblatt auf blauem Grund) in den Klauen. Sie trägt den Titel „Allgemeiner Bürger Schützen – Verein Südlohn u. Mühlenkamp“ in Gold- und Silberstickerei mit der Jahreszahl 1956. Auf der Rückseite ist eine farbige Ansicht des Ortes Südlohn mit den Befestigungsanlagen nach einem Stich von 1597 auf altgoldenem Grund abgebildet mit der Bezeichnung „Südlohn um 1606″ in Handstickerei.

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Fahne des Bürgerschützenvereins von 1956 (Vorderseite)

Ebenfalls schaffte die Bürger-Junggesellen-Kompagnie eine neue Fahne an. Auf der Vorderseite ist deren Wahrzeichen die Südlohner Linde auf dem Marktplatz heraldisch in lichtgrün mit Goldkonturen auf naturfarbigem Grund abgebildet. Sie hat den Titel „Bürger – Junggesellen – Compagnie – Südlohn 1764″ in Handstickerei. Die Rückseite trägt auf einem quadratisch grün-weiß geteilten Grund das Südlohner Wappen (Silbernes Kleeblatt auf blauem Grund) in überschneidenden Eichenbrüchen, beschriftet mit den alten Schützentugenden „Treue, Sitte, Glaube, Heimat“ in Goldstickerei mit der Angabe der Jahreszahl „1956″.

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Fahne des Bürger-Junggesellen-Kompagnie von 1956 (Rückseite)

Darüber hinaus wurde eine Festschrift erstellt, „um einen kurzen Ausschnitt aus der Vergangenheit des Ortes zu bieten“, wie es im Vorwort heißt.

Das dreitägige Festprogramm bot als Höhepunkte vor allem die Platzkonzerte des Musikkorps des Heeres aus Andernach unter der Leitung von Hauptmann Hans Friess, den Festgottesdienst in der St. Vitus-Pfarrkirche mit der Fahnenweihe, sowie am Sonntagnachmittag den Festakt auf dem Schulhof am Südwall mit der Festansprache von Dr. Josef Tenhagen, der Übergabe der neuen Fahnen und dem anschließenden Festzug mit allen beteiligten Gastvereinen durch den Ort.

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Bürgerschützenfest 1956 – Jubiläum 350 Jahre: Ehemalige Könige des Schützenvereins

vorne: Heinrich Deelmann (König 1925), Heinrich Hövel (König 1937), Franz Frechen (König 1938), Bernhard Röttger (König Mühlenkamp 1936), hinten: Gustav Hövel (König 1949), Josef Robers (König 1952), Bernhard Lüdiger (König 1954), es fehlte: August Hummels (König 1950)

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Bürgerschützenfest 1956 – Jubiläum 350 Jahre: Festakt auf dem Schulhof der St. Vitus – Schule

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Bürgerschützenfest 1956 – Jubiläum 350 Jahre: amtierendes Königspaar und Stabsoffiziere beim Festakt

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Bürgerschützenfest 1956 – Jubiläum 350 Jahre: Grußwort der Nachbarvereine durch den Präsidenten Schmidt vom St. Ludgerus – Schützenverein Weseke

vorne: Fahnenoffiziere nach Übergabe der neuen Fahnen, Karl Büsker, Heinz Röttger, Heinz Gröting, Franz Demming, Karl Südfels, Wilhelm Frechen, Franz Bennemann, Hubert Wehr

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Bürgerschützenfest 1956 – Jubiläum 350 Jahre: 2. Kompanie im Festumzug

Hauptmann Hermann Niehues, Leutnant Gerhard Möllers, Schützen 1. Rotte: Paul Tenbrake, Gregor Köster, Paul Lüdiger

Über den Festverlauf berichteten die Lokalzeitungen ausführlich Am Montag wurde Heinrich Hövel König im Jubiläumsjahr und folgte damit dem Beispiel seines Vaters Heinrich (König 1937) und seines Bruders Gustav (König 1949). Als Königin stand ihm Martha Kemper zur Seite.

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Thron Bürgerschützenfest 1956:

Präsident Heinrich Deelmann, Margret Hövel, Königin Martha Kemper, König Heinrich Hövel, Else Hövel, Deputationsgäste St. Jakobi – Schützenverein Oeding

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Königsplaketten 1949, 1950, 1952, 1954, 1956

Festansprache zum Jubiläum von Dr. Josef Tenhagen

 

„Wenn der Herr die Stadt nicht bewacht, wacht der Wächter vergebens“ – Worte der hl. Schrift und des alten Südlohner Osttor.

Liebe Schützenbrüder!

Wälle, Tore, Wasser und Ringgräben spielen heute keine Bedeutung mehr, aber um so mehr die Worte auf den alten Südlohner Ost- und Westtoren; das soeben zitierte, und auf dem Westtor: „Drei Dinge gefallen Gott und den Menschen: Eintracht unter Brüdern, Nächstenliebe und Einvernehmen zwischen Mann und Frau“ Könnte man schönere und tiefsinnigere Worte auf zwei Stadttore schreiben? So waren und handelten, liebe Schützenbrüder, unsere Südlohner Vorfahren vor ungefähr 400 Jahren, und mir kommt das schöne Dichterwort in den Sinn: „Was Du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen“. Not und Drangsal lehrte Sie beten, auf den Herrn bauen und sich zusammenscharen.

Nach 400 Jahren sind wir so weit gekommen, dass uns kein Wall, Tor und Wassergraben mehr nützt, aber um so mehr die sinnvollen Worte auf unseren Stadttoren, die für immer und ewige Zeiten gelten. Nur der gottverbundene Mensch, nur die gottverbundenen Dörfer, Städte und Nationen können das furchtbare Unheil abwenden, dass sonst früher oder später über die Menschheit ergehen wird: „Wenn der Herr das Haus und die Stadt nicht bewacht, wacht der Wächter vergebens“. Erneuern wir in dieser Feierstunde den Glauben und die Hoffnung an und auf diese Schriftworte, und befolgen wir die vom Westtor: „Eintracht unter Brüdern, Nächstenliebe und Einvernehmen zwischen Mann und Frau“. Heute geht es nicht mehr darum, sich mit Hacke, Mistgabeln und Spaten zu verteidigen, sondern ein Reich des Friedens, der Eintracht und Liebe aufzubauen, wozu wir alle, ohne Ausnahme, berufen sind. So schön steht´s auf der Südlohner Festschrift vom Jahre 1956: „Eintracht kann nur Lust gewähren, Bürgerkinder sind wir alle; Hoffart bringt sie leicht zu Falle“. Feiert in diesem Sinne euer traditionelles Schützenfest. Laßt in diesen Tagen und für immer, alle Hoffart, Neid und Streit beiseite: Bürgerkinder sind wir alle, von einander abhängig, auf einander angewiesen und alle Kinder des einen und wahren Gottes.

„Glaube, Sitte, Heimat und Treue“: steht so schön und sinnvoll auf eurer Fahne vom Jubelfest 1956. Ohne Gott, Glaube, Treue und gute Sitten gibt es kein Heim und keine Heimat; das habt ihr am eigen Leibe erlebt und gespürt vor fast 25 Jahren; und das wird immer so sein und bleiben, wenn man von diesen Wahlsprüchen und Prinzipien abläßt. Nehmen wir diese Worte als ernste Mahnung. Wir können und müssen dazu beitragen, jeder an seiner Stelle und in seiner Stellung: Heim und Heimat zu gründen, zu bewahren und den rechten Heimatgeist zu pflegen, damit auch unsere Nachkommenschaft später mit Stolz und Begeisterung sagen kann: „Was Du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen“.

Gedenken wir nun mit einem Wort unserer Toten. Wie viele mögen es sein, die noch vor dreißig Jahren stolz und freudig durchs Dorf marschierten, wie wir heute und morgen. In Russland, Frankreich, England und Afrika ruhen ihre Gebeine; ebendeswegen haben wir uns hier zusammengefunden, um ihrer an erster Stelle zu gedenken. Wie mancher wird sich sagen müssen, auch der zu Ihnen spricht: Ich hatt´ einen Kameraden; Ich hatte einen Freund, einen Sohn, einen Bruder. Gedenken wir ihrer in diese Stunde, ihrer, die alles ließen und ihr Leben für Heim und Heimat gaben, die ein dämonischer Stolz und schnöde Hoffart in den Abgrund und ins Elend stürzten.

Lernen wir Zurückgebliebenen aus der Geschichte; halten wir an den eben ausgeführten Prinzipien fest, hier im schönen und trauten Südlohn, im Münsterland, in Westfalen und in der ganzen deutschen Heimat; dann werden wir und unsere Nachkommen noch lange und mit Begeisterung die schönen Worte des Deutschlandliedes singen können: „Deutsche Männer, deutsche Frauen, deutscher Wein und deutscher Sang, sollen in der Welt behalten ihren alten lieben Klang“.

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Zeitungsartikel Westfälische Nachrichten vom 24. Juli 1956 „Südlohn im Festesglanz“