www.muensterlandzeitung.de/suedlohn

2012-2

Der St. Vitus-Schützenverein hatte im letzten Jahr Probleme, einen neuen König zu finden. Das ist jedoch kein Südlohn-
typisches Problem. Auch für die Traditionsvereine in anderen Orten wird es immer schwieriger, jemanden zu finden,
der den Vogel abschießt. Feiern wollen alle Bürger, doch die Königswürde stellt für Viele ein zu großes finanzielles
oder zeitliches Risiko dar. Ist es aber nicht, sagt Heinrich Sibbing, Präsident des St. Vitus-Schützenvereins. Und das
will er den Mitgliedern seines Vereins am nächsten Samstag bei der Jahreshauptversammlung des Vereins in der Festhalle
Terhörne näher erläutern. Ziel: Der Verein will auch weiterhin ein Schützenfest und kein Sommerfest feiern.

Erst nach langer Feuerpause entschloss sich Josef Nagel im vergangenen Jahr, den Vogel abzuschießen und damit das Schützenfest
zu retten. Bei der anschließenden Parade bejubelten die Südlohner ihn und seine Königin Marlies Finke. ______________________________________________________________________________________________

INTERVIEW DER WOCHE Präsident Heinrich Sibbing über König, Kosten und Termine

Nur kein Sommerfest

St. Vitus-Schützenverein will seine Mitglieder zum Schuss auf den Vogel motivieren

05_2011_heinrich-sibbing SÜDLOHN. Fast jeder kann es

sich finanziell und zeitlich erlauben,
bei den St. Vitus-
Schützen König zu werden.
Das betont Schützen-Präsident
Heinrich Sibbing im Interview
mit unserem Redakteur Bernd
Schlusemann.

Herr Sibbing, sie haben für
das nächste Wochenende zur
Generalversammlung eingeladen
und wollen dabei auch
darüber reden, dass sich im
letzten Jahr lange kein Aspirant
für den Königsschuss
finden ließ. Ist es nicht mehr
attraktiv, König der St. Vitus-
Schützen zu sein?

Heinrich Sibbing: Das sicher nicht, es ist schon nach wie vor etwas Besonderes, Schützenkönig in Südlohn zu sein.
Woran es liegt, dass wir beim letzten Schützenfest eine lange Schießpause einlegen mussten, wollen wir mit unseren Mitgliedern
besprechen. Unser Traditionsverein ist gut aufgestellt, wir haben 1270 Mitglieder und sind damit einer der größten Vereine in der Gemeinde.
Beim Schützenfest am Sonntag holen wir den König mit rund 800 Schützen, Musikern und Abordnungen aus. Es würden nicht so viele Aktive und
Zuschauer ins Dorf kommen, wenn das keine attraktive Veranstaltung wäre.

In den Vorjahren haben häufig
Mitglieder aus dem Vorstand
den Vogel abgeschossen
und wurden als Könige
bejubelt. Das Königs-Problem
hat sich also jetzt zugespitzt?

Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass alle Vorstandsmitglieder und Offiziere, die den Vogel abgeschossen haben, dies immer
freiwillig getan haben. Es ist ja auch verständlich, dass diejenigen die Aufgaben und Verantwortung im Schützenverein übernehmen,
auch für sich einmal die Königswürde anstreben. Daraus ergibt sich aber keine Verpflichtung, dass die „Offiziellen“ den Vogel abschießen
müssen.

Es gibt keinen Plan B. Wir alle wollen gerne Schützenfest feiern, aber ohne König auch kein Schützenfest. Wenn unser Schützenfest nicht
als Sommerfest enden soll, sind alle Schützen – und nicht nur Vorstand und Offiziere – in der Verantwortung. Unser amtierender
König Josef Nagel hat mit seinem Ausspruch „Es gibt überhaupt keinen Grund, es nicht zu tun!“ eine gute Vorlage für andere Bewerber
gegeben.
Und dem scheint die Königswürde gut zu gefallen?
Das sehe ich genauso. Und das ist ja auch so typisch. Ich kenne keinen König oder Königin, die nicht begeistert ihre Königswürde getragen
haben. Alle unsere Throngemeinschaften – so verschieden sie auch waren, sprechen immer von einem tollen Jahr. Viele persönliche
Freundschaften sind daraus entstanden.

Wie beim amtierenden König auch, haben wir in Südlohn Familien, in denen beide Ehepartner König oder Königin gewesen sind.
In anderen Familien gibt es über die Generationen mehr als eine Majestät. Dies zeigt, dass es doch immer ein schönes Fest gewesen
sein muss, sonst gäbe es das sicher kein zweites Mal in einer Familie.

Kann es sich denn der „kleine
Mann“ überhaupt leisten,
König der St. Vitus-Schützen
zu werden?

Natürlich! Das ist zu leisten. Die meisten unserer Könige sind einfache Arbeitnehmer gewesen, wenn man das mit „kleiner Mann“ meint.
Unser Verein gibt dem neuen König einen Zuschuss von 2000 Euro zur Bewirtung seiner Throngäste. Wenn das Königspaar gemeinsam mit seiner
Throngemeinschaft im üblichen Rahmen, d.h. Familien, Nachbarschaften, Freunde und Kollegen sowie Vereine und Verbände zum Thron einlädt,
dann kommen sie finanziell sicher über die Run-den ohne tief in die Tasche greifen zu müssen.

Man hört aber oft ganz andere
Zahlen?

Ja klar. Und das ist eher unsere Sorge. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Bewirtung der Throngäste im Festzelt
nicht das Thema ist, sondern vielmehr die Kosten „drum herum“. Der König hat das aber in der Hand. Jedem König ist es selbst überlassen,
wenn er beispielsweise Nachbarschaftsfeste beim Röschen machen und Kranz aufhängen alleine finanziert und eine Festwoche aus
dem Schmücken macht.

Klar freuen wir uns, wenn die Nachbarschaft einen Kranz aufhängt und geschmückte Bäumchen am Wegesrand stehen, doch das kann für den
König finanziell auch im Rahmen bleiben. So ist es überhaupt kein großes finanzielles Risiko, bei uns König zu werden.
Und wer den Vogel abschießt, dem ist es in der Regel auch etwas Wert – aber das kann durchaus in einem Rahmen bleiben, den jeder tragen
kann.

Ein Hemmnis sind vielleicht
die vielen Termine, die ein
König so im Laufe des Jahres
zu leisten hat?

Da müssen wir zwischen Pflicht und Kür unterscheiden. Wenn im Dorf von 70 bis 80 Terminen gesprochen wird, dann sage auch ich,
,das stimmt so nicht‘. Tatsächlich ist es aber so, dass der König nur etwa zehn öffentliche Pflichttermine hat.
Dazu gehören vor allem die Teilnahme am Bauernschützenfest oder bei unseren Nachbarvereinen in Nichtern, Oeding und Weseke.
Ein paar Tage im Jahr will der König sicher auch König sein. Das ist doch für jeden auch ein besonderes Erlebnis.
Da der König dem Vorstand angehört, sollte er – soweit es ihm zeitlich möglich ist – auch an den Vorstandssitzungen
teilnehmen, die acht bis zehnmal im Jahr stattfinden. Alles weitere ist freiwillig.

Der König tritt doch viel öfter
als solcher irgendwo
auf…?

Natürlich sehen wir es gerne, wenn der König den Wintergang des Schützenvereins mitgeht, unsere 300 Senioren bei ihrem Nachmittag
begrüßt oder zum Kinderschützenfest kommt. Doch, und das betone ich, sind freiwillige Termine.
Genauso wie es Sache der Throngemeinschaft ist, im Thronjahr weitere Feste und Anlässe zu feiern. Es ist zum Beispiel
alleine Sache des  Königs, ob aus dem Vogel schmücken oder dem Kutsche abholen ein Fest gemacht wird. Wir können als Verein
ja schließlich auch keinem König vorschreiben, wie er seinen Geburtstag feiert.

In diesem Jahr also kein
Sommerfest?

Da bin ich sicher. Der Vorstand wird das Thema bei der Generalversammlung erörtern und hoffentlich überzeugend darstellen.
Wir sind ein Traditionsverein und wollen es bleiben.
Dazu gehört, dass jemand mit Begeisterung den Vogel abschießt. Und: Die Königswürde muss weiterhin et-was Besonderes bleiben.